Allgemeine Thematik und Programmatik
Die Wissenschaft beherrscht
und durchdringt die Lebensbedingungen unserer modernen
Welt. Sie tut dies sowohl in Hinblick auf die aus ihr
entspringenden technischen Anwendungen als auch
bezüglich des Selbstverständnisses des Menschen. Dabei
ist die Wissenschaft ähnlich wie die Wirtschaft
zunächst ein von Menschen gemachtes Unternehmen
zum tieferen Verständnis der Welt und ihrer
Zusammenhänge. Im Laufe der Zeit hat sich dieses
Unternehmen ganz erheblich verselbständigt. Für die
Grundlagen unserer modernen Kultur steht es außer Frage,
dass es von notwendigem Interesse ist, die Wissenschaft an
sich zu verstehen die spezifischen Strukturen,
Methoden und Funktionsweisen der Wissenschaft als solcher
zu durchdringen. In diesem Zusammenhang kommt der Wissenschaftsphilosophie
eine zentrale Position zu, denn sie ist diejenige
Disziplin im Wissenschaftskanon, die sich auf eine
Untersuchung der wissenschaftlichen Methode und Genese
der Wissenschaften im Allgemeinen richtet, die versucht,
die einzelnen Gegenstandsbereiche der Fachwissenschaften
ontologisch und epistemologisch zu reflektieren und die
generellen formalen und begrifflichen Strukturen
wissenschaftlicher Theorien und Theoriebildung zu
analysieren. Dabei ist die Wissenschaftsphilosophie in
erster Linie eine eigenständige Teildisziplin der
Philosophie. Sie dient nicht einfach der populären
Nacherzählung der Fachwissenschaften und auch nicht
deren bloßer Bestätigung, sondern zielt auf die
kritische Reflexion und Durchleuchtung der Wissenschaften
mit ureigenen Methoden und Fragestellungen. Der
Wissenschaftsphilosophie kommt somit seit jeher eine Schlüsselposition
im Kanon der Wissenschaften zu.
Nun findet derzeit eine
tiefgreifende Änderung der akademischen
Wissenschaftslandschaft in Deutschland statt. Die
Universitäten befinden sich in einem Strukturwandel
ungeahnten Ausmaßes. Auf Grund veränderter politischer
Rahmenbedingungen werden sich sowohl die Formen des
Studierens als auch die Handlungs- und Tätigkeitsformen
der praktizierenden Wissenschaftler sowie derjenigen
Institutionen und Organisationen, in die sie
institutionell eingebunden sind, wandeln und neu
ausrichten. Wesentliches Ziel dieser Neuausrichtung ist
eine optimale und flexible Anpassung an die
gegenwärtigen und zukünftigen gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Erfordernisse. Zu den am wenigsten
strittigen Kriterien, wie zu einer derartigen Anpassung
in den jeweiligen Forschungsgebieten beigetragen werden
kann, gehört die Forderung nach Interdisziplinarität,
nach der Vernetzbarkeit und Anknüpfbarkeit
wissenschaftlicher Einzelfragestellungen zu den
Fragestellungen der Nachbardisziplinen und dem
Fragerahmen eines größeren Ganzen. Auch wird eine
höhere Transparenz zwischen den Fächergrenzen
gefordert. Zugleich aber stellt die viel beschworene
Interdisziplinarität in ihrer praktischen Umsetzung
weiterhin eine große Herausforderung dar. Vor allem
über die Grenzen der zwei Kulturen, der Geistes- und der
Naturwissenschaften hinweg erweist sich sich als ungemein
schwierig.
In dieser Situation kommt
wiederum der Wissenschaftsphilosophie eine zentrale, wenn
nicht gar weichenstellende Position zu, deren Tragweite
in der bisherigen Debatte um den Strukturwandel der
Wissenschaftslandschaft kaum Beachtung geschenkt
wurde. Denn der Diskurs zwischen den Geistes- und
Naturwissenschaften besitzt in Form der
Wissenschaftsphilosophie eine natürliche disziplinäre
Verankerung. Die Wissenschaftsphilosophie leistet, was
die Fachwissenschaften aus sich heraus häufig nicht oder
nicht so einfach zu leisten vermögen: sie entwickelt
Fragehorizonte, die typischerweise in den
Einzeldisziplinen ihren Ursprung haben, dann jedoch
inhaltlich und methodisch deutlich über die
Disziplinengrenzen hinausgehen. Neben der schon
erwähnten Reflexionsrolle ist es diese, die
Disziplinengrenzen überschreitende Mittlerrolle,
die der Wissenschaftsphilosophie im Rahmen unserer
zukünftigen vernetzten Wissenschaftslandschaft eine
wichtige Schlüsselrolle zuweist. Im Rahmen der Tagung Was
ist Wissenschaft? soll daher versucht werden, die
Angebote und Möglichkeiten der Wissenschaftsphilosophie
und die Stärken ihrer interdisziplinären
Schlüsselposition spezifisch in Bezug auf die deutsche
Hochschul- und Forschungssituation und deren sich
wandelnde Erfordernisse neu auszuloten und zu bestimmen
und hierfür zugleich ein breiteres mediales Interesse zu
erzeugen.